Hat Globalisierung eine Zukunft?

Von Helmut Merkel. 

Zweifel kommen auf: In den Medien werden der Handelskrieg zwischen den USA und China, die Corona-Krise, die Rolle Chinas in der Weltpolitik und nicht zuletzt die Flüchtlingskrise als Anzeichen dafür gesehen, dass ein Umdenken einsetzen wird. Doch warum gibt es Globalisierung? Und hat sie noch eine Zukunft?

Bereits nach dem zweiten Weltkrieg haben bahnbrechende technologische Entwicklungen wie Containerisierung der Schifffahrt, Flugzeugbau, Nachrichtentechnik, Mobilfunk-Technologie oder betriebliche Softwarelösungen für alle kommerziellen und technischen Prozesse, die Welt schrumpfen lassen. Diese Entwicklung ging einher mit gewaltigen Infrastrukturinvestitionen in aller Welt: Ausbau der Häfen, Flughäfen, Straßen, Eisenbahnstrecken, Telekommunikationsnetze, Internet usw. All das war die Voraussetzung für die Globalisierung, so wie wir sie heute kennen. Darunter wird der immer freizügigere weltweite Güteraustausch durch das Wirken von Institutionen wie der WTO (World Trade Organisation), der internationalen Standardisierungs-Organisationen wie DIN und ISO verstanden, aber auch die zunehmende Verflechtung überstaatlicher Institutionen und Zusammenschlüsse in Wirtschaftsräume und nicht zuletzt der nahezu grenzenlose Tourismus gehören zum Phänomen Globalisierung.

WARUM GIBT ES GLOBALISIERUNG?

Die Wirtschaft folgt seit dem Beginn der Industrialisierung dem niedrigsten Preis für Ressourcen und damit den niedrigsten Stückkosten für die Gewinnmaximierung wie einem Naturgesetz. Lange Zeit wurden niedrige Löhne in China, Indien, Vietnam oder Südamerika nicht hinterfragt. Der Wohlstand für alle Beteiligten mehrte sich in dieser Win-Win-Situation unaufhörlich. Die Konsumenten in der westlichen Welt profitierten von niedrigen Preisen für ihren Konsum von Produkten, z.B. aus China. Der durchschnittliche Wohlstandsvorteil über die gesamte Lebenszeit eines Konsumenten, durch Ersparnisse in Form niedriger Produktionsstückkosten in sogenannten Billiglohnländern, geht vermutlich pro Konsument in den sechsstelligen Eurobereich.

Die WELT hat in ihrer Ausgabe vom 15.5.2020 an selbst recherchierten Rechenbeispielen gezeigt, dass sich der Preisvorteil für eine Damenstrick-Strumpfhose aus China gegenüber der Produktion in Deutschland mit einem Vorteil von 13,78 Euro im Geldbeutel des Konsumenten niederschlägt. Bei Sennheiser Kopfhörern beträgt der Preisvorteil für den deutschen Konsumenten sogar 401 Euro pro Stück.

CHINAS WEG ZUM FÜHRENDEN EXPORTLAND

Dabei stand China 1976 am Ende der Ära Mao Zedong wirtschaftlich noch am Abgrund. Von Billiglohnland konnte noch keine Rede sein. In der von Mao verursachten Hungersnot in China starben vermutlich mehr Menschen als im 1. Weltkrieg („Tombstone“ von Jung Chang).

Deng Xiaoping hatte bei seiner Machtübernahme 1978 eine riesige Herausforderung zu bewältigen: Wie kann man für eine Bevölkerung von mehr als 1 Mrd. Menschen eine Hungersnot solchen Ausmaßes überwinden, dabei Arbeitsplätze und zumindest bescheidenen Wohlstand schaffen? Durch die ökonomischen Sonderzonen entlang der Küsten, in denen damals bereits mehr als 600 Mio. Menschen lebten, wurde durch Industrieansiedlungen die Grundlagen für den heutigen Wohlstand geschaffen.

Das politische Einparteiensystem mit Strukturen, wie in der ehemals kommunistischen Sowjetunion, ist heute ein erfolgreiches staatskapitalistisches Land mit Währungsreserven von ca. 3 Billionen USD. Die Bürger genießen Freizügigkeit beim Erwerb von Eigentum, bei der Berufswahl, bei der Studienplatzwahl, bei der Niederlassung, beim Reisen usw. Der gelernte Bildungswettbewerb mit einer großen Prüfung (Gao Kao Shi) im Juli jeden Jahres wird, mit einer kurzen Unterbrechung unter Mao Zedong seit dem 3. Jahrhundert nach Christus (Han Dynastie), durchgeführt und wurde zu einem kulturellen Markenzeichen für ganz China. Fleiß, Ehrgeiz und der Wunsch nach Wohlstand sind die Motivation für die Entwicklung. China hat in der Periode von Deng Xiaoping bis heute eine Aufbauleistung vollbracht, die nichts Vergleichbares in der Welt kennt. In der Kritik steht allerdings der Umgang des chinesischen Einparteiensystems mit Pressefreiheit, Zensur, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Persönlichkeitsrechten bei Strafverfahren usw.

Um auf das Beispiel der Damenstrumpfhose zurückzukommen: STATISTA meldet, in Deutschland werden im Jahre 2020 voraussichtlich Strumpfhosen (insgesamt) im Wert für ca. 1,2 Mrd. Euro verkauft. Würden hypothetisch alle Strumpfhosen aus China importiert und die von WELT errechneten 10 Euro kosten, dann entsprechen die 1,2 Mrd Euro Verkaufserlös einer Produktionsmenge von ca 120 Mio. Stück Strumpfhosen.

In dem hypothetischen Beispiel läge der Preisvorteil für den deutschen Verbraucher bei ca. 1,65 Mrd. Euro – wenn konsequent alle Strumpfhosen in China hergestellt würden. Aber nicht nur Strumpfhosen werden in China hergestellt, sondern auch Schuhe, Unterwäsche, Bekleidung, Haushaltswaren, 60% des Weltmarktbedarfs an Computerchips, Handys, Arzneimittel, Wirkstoffe usw. Es ist vermutlich einfacher zu sagen, was nicht in China hergestellt wird.

Eine Statista-Infografik zeigt, dass Deutschland zu den Top 10 der Globalisierungsgewinner zählt

Deutschland importiert aktuell Waren für ca 110 Mrd Euro aus China. Wie hoch sind in diesem Falle die jährlichen Ersparnisse für unsere Konsumenten? 150 Mrd. – 250 Mrd. pro Jahr? Ganze Branchen, voran der Handel, mit Hunderttausenden von Beschäftigten wirtschaften mit diesen Ersparnissen – oder können nur existieren, weil es diese Ersparnisse gibt. Der Konsument hat außerdem gelernt, dass eine Damenstrick-Strumpfhose 10 Euro kostet und nicht 23,78 Euro.

HOHES PRODUKTIONSNIVEAU IN CHINA

Näherinnen in einer chinesischen Textilfabrik

Das exportierende Land profitiert zunächst von der heimischen Rohstoffproduktion und der Beschäftigung der arbeitsfähigen Bevölkerung in Fabriken. Gerade in China konnte man beobachten wie schnell das Land gelernt hat und aus einfachen Produktionsstätten hochqualifizierte Hersteller wurden. Außerdem waren die westlichen Geschäftspartner großzügig im Überlassen von Technologie, die sie China in der Aufbauphase als Know-How überließen. Inzwischen hat China diese Anfangsphase längst hinter sich gelassen. Das Niveau der technischen Ausstattung in den heutigen Fabriken ist viel besser als das Niveau, das die deutsche Schuh- und Textilindustrie beispielsweise zu der Zeit der Abwanderung aus Deutschland hatte. Die Betriebe produzieren auf einem Niveau, das wir in Deutschland in dieser Phase nie erreicht haben. Mit den steigenden Löhnen in Europa sind die Arbeitsplätze mehr und mehr nach China, Indien, Vietnam usw. verlagert worden. Das gilt für alle Branchen. Inzwischen fanden sogar Verlagerungen von China in andere Länder statt, weil sich auch China die Stückkostenvorteile niedriger Löhne in anderen Ländern sichern will. China hat dafür steuerliche Anreize für die heimische Industrie geschaffen.

Deutschland hat sich in der Phase der Verlagerung einfacher Arbeitsplätze ins Ausland spezialisiert und hat Stückkostenvorteile aus eben dieser Spezialisierung und der damit verbundenen Arbeitsteilung realisiert. Beschäftigung wurde umgeschichtet von lohnintensiven zu spezialisierten Betrieben. Das vorhandene Bildungssystem und die Infrastruktur haben das ermöglicht. Insbesondere Deutschland hat von den so gewonnen Stückkostenvorteilen profitiert und in höherwertige Produktion (Automatisierung und Automatisierungstechnik), in den Klimaschutz und in Innovation investiert. Gleichzeitig sind in die Ersparnisse der deutschen Konsumenten die Umweltsünden in China eingeflossen. Die Preisvorteile importierter Produkte kamen jahrzehntelang auf Kosten der Umwelt und des Wohlstandes der Bürger in China, Indien oder Vietnam zu Stande. Gleichzeitig haben wir unsere Entwicklungs- und Sozialkosten auch nach China exportiert. Unser Warenexport nach China betrug im Jahre 2019 immerhin 96 Mrd. Euro.

Deutschland exportierte 2019 für ca. 1.328 Mrd. Euro Güter und Dienstleistungen in alle Welt. Die Importe liegen bei 1.105 Mrd. Euro – der Überschuss demnach bei 223 Mrd. Euro. Damit nimmt Deutschland als „kleine“ Volkswirtschaft im Wettbewerb eine klare Sonderstellung ein, die uns hoffentlich erhalten bleibt. Unser Wohlstand steht und fällt mit dieser Stellung im Weltmarkt. Nur China hatte 2019 mit 421.9 Mrd. (USD) einen höheren Handelsüberschuss als Deutschland. Auf Platz 3 liegt Russland mit einem Überschuss von ca. 165 Mrd. USD.

Der Anreiz für China und andere, Güter und Dienstleistungen aus Deutschland zu kaufen liegt in der Innovation, Zuverlässigkeit und Qualität der Produkte und Dienstleistungen. Ohne die gegenseitigen Anreize (Preis, Innovation, Zuverlässigkeit, Qualität) gibt es keinen internationalen Warenaustausch!

AUS GLOBALISIERUNG WIRD „SLOWBALISIERUNG“

Verhältnis vom globalen Exportwachstum von Gütern zum globalen BIP-Wachstum (Handelselastizität), 5- bzw. 10-Jahre gleitender Durchschnitt
© IMF World Economic Outlook Database, Oktober 2019 Update. BMWi Berechnungen

Der Ablauf im Handelskrieg zwischen den USA und China liefert dabei ein erstes Argument. Eine Volkswirtschaft, die im internationalen Vergleich keine Vorteile zu bieten hat (Preis, Innovation, Zuverlässigkeit, Qualität), will Zollbarrieren aufbauen, um die lokale Wirtschaft vorrübergehend zu schützen. Im Jahre 2019 summieren sich die 20 größten Handelsdefizite auf insgesamt 1,8 Billionen USD. Zu den größten Defizitländern gehören bekanntlich die USA (-922 Mrd. USD.), Großbritannien (-223 Mrd. USD) und Indien (-160 Mrd. USD). Demgegenüber stehen die 20 größten Überschussländer mit einem Gesamtüberschuss von ca. 1,6 Billionen USD. Was passiert, wenn durch das Vorpreschen der USA auch die anderen Defizitländer Handelsbarrieren aufbauen? Seit dem BREXIT-Beschluss versucht Großbritannien ja bereits individuelle Handelsverträge mit der Welt abzuschließen.

Ist damit die Globalisierung am Ende? Es wird von der Klugheit der Politiker als Mitglieder der Welthandelsorganisation (WTO) abhängen, wie es weitergeht. Es darf bezweifelt werden, dass die De-Globalisierung funktioniert. Lässt sich der ökonomische Zwang zu sinkenden Stückkosten, Innovation, Zuverlässigkeit und Qualität stoppen? Wohl kaum. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie des BMWi das die ökonomischen Facetten der Globalisierung (z.B. auch die Entwicklung der Direktinvestitionen) detailliert untersucht und bewertet hat. Der Bericht geht zwar von einer Fortsetzung der Globalisierung, aber auch von einer deutlichen Verlangsamung aus (Slowbalisierung).

Die USA bauen Handelsbarrieren auf und seit dem BREXIT-Beschluss versucht Großbritannien ja bereits individuelle Handelsverträge mit der Welt abzuschließen. Die Globalisierung wird damit nicht beendet, aber verlangsamt, Stichwort „Slowbalisierung“ (siehe Teil 1 meiner Analyse). Doch was bedeutet das für den Standort Deutschland?

Sind wir in der Bildung, bei Innovation, Zuverlässigkeit, Qualität und Infrastruktur gut genug aufgestellt, um im internationalen Wettbewerb dauerhaft mithalten zu können? China ist mit Vehemenz dabei, eine frühere Domäne Deutschlands zu besetzen: die Standardisierungsorganisationen. Ein klares Anzeichen für den zunehmenden Wettbewerb. Wer die Standards vorgibt, dominiert. In der Internet-Infrastruktur hat uns das Land bereits überholt, ebenso bei der Eisenbahntechnologie, beim Chip- und Computerbau und in vielen Bereichen der Haushalts- und Konsumelektronik. Die chinesische Infrastruktur, Häfen, Eisenbahnverbindungen, Flughäfen, Schulen, Universitäten usw. sind in ihrer Dimension einzigartig. Die nächste Domäne, in der uns China angreift, ist der Maschinenbau.

ABHÄNGIGKEIT VON CHINA DURCH CORONA-PANDEMIE

Die Corona-Krise liefert ein zweites Argument für eine Einschränkung der Globalisierung. Zu Beginn der Krise gab es in Deutschland nicht ausreichend Mundschutz- und Gesichtsmasken sowie andere medizinische Artikel wie Handschuhe oder Schutzanzüge, da die Herstellung solcher Produkte, den Stückkostenvorteilen folgend, nicht mehr in Deutschland stattfindet. Lautstark wird die Abhängigkeit von anderen Volkswirtschaften beklagt, insbesondere der chinesischen Volkswirtschaft, die allein genug Kapazitäten und Know-How hatte, die Engpässe allmählich zu beseitigen.

In der Corona-Krise ließ die Bundeswehr extra Schutzmasken aus China einfliegen

Offensichtlich ist, dass Bundesregierung und Wirtschaft die Verpflichtung zur Vor- und Fürsorge im Katastrophenschutz vernachlässigt haben. Da es seit der Spanischen Grippe vor hundert Jahren keine solche Pandemie mehr gab, waren sich alle Verantwortlichen des Risikos nicht bewusst. Das gilt auch für den privaten Bereich. Niemand in Deutschland hatte vor Corona vermutlich Mundschutz- oder Toilettenpapiervorräte angelegt.

Nach der Krise ist vor der Krise. Mit diesem Wissen und den entsprechenden Maßnahmen sollte es vermutlich gelingen eine zu große Risikobereitschaft bei der Globalisierung zu korrigieren und kritische Produktionen z.B. bei Wirkstoffen von Medikamenten an unkritische Standorte zu verlagern. Am Beispiel der so dringend benötigten Schutzmasken während der Pandemie zeigt sich aber, dass das wohl gar nicht so einfach ist.

CHINA WILL FÜHRUNGSROLLE

Ein drittes Argument macht sich in den Medien mehr und mehr breit, das weder mit dem Handelskrieg noch mit Corona verbunden ist. China wird zunehmend als Staat dargestellt, der die Welt dominieren möchte – und das als staatskapitalistisches Einparteiensystem, dem jede demokratische Legitimierung fehle. Huawei, Sicherheitsgesetz für Hongkong oder Internetzensur werden aufgezählt, um die Bedrohungen für die westliche Welt auszumalen.

In einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten von Amerika mit „America First“ ihrer ursprünglichen Rolle als Ordnungsmacht nicht mehr nachkommen (wollen), Europa nicht als Ganzes mit einer Stimme sprechen kann, füllt China das Vakuum und ergreift Initiative. Hinzu kommt, dass die chinesische Wissenschaft und Wirtschaft inzwischen in der Lage sind, nach der Führungsrolle in einigen Schlüsselbereichen zu greifen. Eine staatliche Strategie und auch die finanziellen Mittel dafür sind vorhanden.

Ist die richtige Reaktion auf diese Entwicklung der Aufbau weiterer Handelsbarrieren? Auf Mahnungen aus Europa wird die dortige Regierung nicht hören. Wirtschaftliche Sanktionen sind wirkungslos. Europa und insbesondere Deutschland können sich Handelseinschränkungen mit China nicht leisten. Deshalb ist der Umgang von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der chinesischen Staatsmacht als ausgesprochen besonnen zu bezeichnen. Die ergriffenen Maßnahmen, den Technologie- und Know-How-Transfer bei Firmenübernahmen zu erschweren, sind wirkungsvoller und stellen nicht die grundsätzliche wirtschaftliche Zusammenarbeit in Frage.

FREMDENFEINDLICHKEIT CONTRA GLOBALISIERUNG?

Ein weiteres Ereignis trifft Europa durch die Migrantenströme aus Afghanistan, dem Mittleren Osten und aus Afrika bis ins Mark: Will die Gesellschaft Migranten integrieren oder ist doch Abschottung die bessere Strategie? Die aufkeimende Fremdenfeindlichkeit in vielen Ländern wird ebenfalls als Argument gegen die Globalisierung eingesetzt.

Die Frage des Umganges mit Migration hat allerdings nichts mit der Frage der Globalisierung zu tun. Oder andersherum: Der Verzicht auf Globalisierung wird die Migrantenströme nicht stoppen. Die Kosten einer humanitären Lösung der Migration können dagegen nur finanziert werden, wenn Europa und Deutschland auch weiterhin in der Lage sind, Ersparnisse im globalen Wettbewerb der Wirtschaftsräume zu verdienen.

WAS IST DIE ANTWORT AUF DIE FRAGE, OB GLOBALISIERUNG ZUKUNFT HAT?

Laut IWF ist China mittlerweile die größte Volkswirtschaft der Welt (Infografik: Statista)

Die Diskussion, ob China das richtige politische System hat oder nicht, bringt uns nicht weiter. China hat bewiesen, dass es seine Bevölkerung (1,4 Milliarden Menschen) ernähren kann und hat der Mehrheit der Bevölkerung Wohlstand gebracht. Darüber hinaus hat es eine strukturelle Reform vom Agrar- zum Industriestaat geschafft und sich als Volkswirtschaft an die Weltspitze der größten Volkswirtschaften gekämpft – Anteil weiter steigend.

Nur im Wettbewerb der Systeme und der Kulturen liegt die Zukunft und die Chance, unseren Wohlstand durch Koexistenz abzusichern. Ohne Globalisierung ist das nicht möglich.

Um die Position in der Welt abzusichern, muss Europa und muss Deutschland effizienter und schneller werden. Nur das hilft den Unternehmen, im globalen Wettbewerb zu bestehen.

WIE KÖNNEN EUROPA UND DEUTSCHLAND EFFIZIENTER UND SCHNELLER WERDEN?

Die demokratischen Strukturen in Europa und in Deutschland müssen sich anpassen. Demokratie ist auch Pluralismus und reflektiert die Meinungsvielfalt. Diese kostbare Errungenschaft gerät aber zunehmend unter Druck, weil demokratisch gefasste Entscheidungen erst einmal viel Vorbereitungszeit kosten und weil sich zunehmend ein Verhalten breitmacht, dass einmal gefasste Mehrheitsentscheidungen von einer beliebigen Stakeholdergruppe nicht akzeptiert werden. Durch das Einschalten weiterer Instanzen und von Gerichten verlangsamt sich damit die Umsetzung wichtiger Entscheidungen immer mehr, obwohl sie eigentlich unter hohem Zeitdruck gefällt werden müssten. Das Ringen der-EU Länder um Kompromisse wie beim EU Corona-Hilfspaket ist ein deutliches Beispiel dafür.

Ein anderes Beispiel liefert die Diskussion über Aufnahmequoten für Flüchtlinge in den Mitgliedsstaaten der EU. Die bejubelte Einigkeit am Ende solcher Entscheidungsprozesse passt zwar in unser Wertesystem, aber nicht zum globalen Wettbewerb, in dem die Teilnehmer mit anderen Geschwindigkeiten agieren.

MEHR GESCHWINDIGKEIT UND INVESTITIONEN

Deutschland hat sich 1949 bei der Neukonzeption des Staates für eine weitgefächerte Föderalismusstruktur entschieden. Diese Entscheidung ist sicher im Kontext zur Geschichte Deutschlands seit Napoleon, einschließlich der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen zu sehen. Im Zeitalter globaler Wirtschafts- und Politikstrukturen, sollte der Föderalismus in der heutigen Form auf den Prüfstand gestellt werden. Auch in dieser demokratisch föderalen Struktur gilt, was für die EU bereits ausgeführt wurde: Mehrheitsentscheidungen werden im Normalfall auf keiner Ebene von der Opposition akzeptiert, deshalb dauert die Vorbereitung von Entscheidungen sehr lange und die Umsetzung scheitert oder verzögert sich durch Einsprüche der Stakeholder. Ein gutes Beispiel bietet auch hier der Verlauf der Corona-Krise. Zu Beginn konnte die Kanzlerin ein klares Maßnahmenpaket für die Bewältigung der Krise platzieren, aber bereits zwei Wochen später waren die Länder unterschiedlicher Meinung über die Angemessenheit der Maßnahmen. Außerdem gibt es unzählige Beispiele über Großprojekte, die wegen der Komplexität der Entscheidungsstrukturen mit großen Verzögerungen realisiert oder gescheitert sind. Allein das Projekt „Digitalisierung im Bildungssystem“ ist exemplarisch, zumal die tatsächliche Situation auch in der Corona-Krise offenbar wurde. Insbesondere der Vergleich mit asiatischen Ländern zeigt, wo wir stehen. Wir sind zu langsam.

Es geht um Milliardensummen von Steuergeldern, die jetzt als Maßnahmenpaket in vielen Fällen endlich Abhilfe schaffen sollen (Digitalisierung im Gesundheitswesen, Bildung, öffentliche Verwaltung, Transport und Verkehr, Sicherheit, Glasfaserausbau als Infrastrukturmaßnahme, Wasserstofftechnologie für den Klimaschutz, Wissenschaftsförderung usw.). Offensichtlich bedurfte es erst der Krise, um die Stakeholder der verschiedenen Interessengruppen zu überzeugen, dass enormer Handlungsbedarf besteht. Auch wegen Corona, vor allem aber wegen unserer Position im globalen Wettbewerb.

Wir brauchen mehr Geschwindigkeit und rechtzeitige Investitionen in den Schlüsselbereichen, um international unsere einzigartige Position als erfolgreiche Volkswirtschaft behalten zu können.

Über den Autor:

Helmut Merkel ist ehemaliger Karstadt-Chef und lebt seit über zehn Jahren in Hongkong. Zusammen mit seinem Sohn hat er dort die Eurasia Global gegründet, eine Plattform zur Abwicklung von Einkäufen, Transporten und weiteren Services für Handelsunternehmen in Asien und Europa. Für Location Insider hatte Merkel bereits vor wenigen Wochen seine Eindrücke vom Umgang der Chinesen mit dem Corona-Virus geschildert und unseren Fragebogen „Handel im Wandel“ ausgefüllt. Der Handelsexperte war außerdem von 1993-97 Chef bei Deichmann.