„Oper kann ich nicht“, sagt er mit Bestimmtheit. „Auch ich bin wirklich nicht überall gut. “

Die Erklärung ist wichtig. Denn Frucht bringt einen zum Staunen. Es würde mehrere Zeitungsspalten einnehmen, um nur einen Teil der Berufsabschlüsse, Tätigkeiten, Ehrenämter und andere Aktivitäten des 48-Jährigen aufzuzählen. Hier nur einige der wichtigsten: Stephan Frucht ist seit 2015 Leiter des Siemens Arts Program. Aber er ist auch promovierter Mediziner, hat Violine und Dirigieren studiert und arbeitet seit vielen Jahren als Kulturmanager, hat Bücher herausgegeben und zahlreiche CDs eingespielt. Zusätzlich ist er Honorarprofessor an der Musikhochschule Karlsruhe und hält regelmäßig Vorlesungen an der Harvard Kennedy School in Boston. Aber diese Aufzählung erfasst natürlich nur einen kleinen Teil seiner Engagements.

Insofern wäre es eine glatte Untertreibung, von Frucht zu behaupten, zwei Herzen schlügen in seiner Brust – es sind viel mehr.

Wenn man ihn auf seine vielen Tätigkeiten anspricht, wehrt er ab. Er könne letztlich nicht anders leben, seine Interessen seien immer schon weit gespannt gewesen, sagt er. Er sei einfach interdisziplinär veranlagt. „Auch ich sehe manchmal schwarz, aber ich denke immer bunt“, sagt er.

Allerdings hat Frucht einen Hauptberuf, auf den er sich konzentriert: seine Tätigkeit bei Siemens. Seit 2015 koordiniert er das gesellschaftliche Engagement des Konzerns, die Stiftungsarbeit sowie die weltweiten Kulturprogramme, die sich auf drei Handlungsfelder fokussieren: auf Musik, Bildende Kunst und kulturelle Bildung. Tatsächlich ist der Münchner Konzern neben Audi einer der wichtigsten Förderer der klassischen Musik in Deutschland. Ebenso wie der Ingolstädter Automobilbauer unterstützt das Siemens Art Program etwa die Salzburger Festspiele – allerdings auf gänzlich andere Art. Während Audi unter anderem mit einer Fahrzeugflotte für die Mobilität vor Ort des künstlerischen Personals sorgt, betreibt Siemens die Salzburger Festspielnächte – zusammen mit dem ORF und Unitel: Seit 2002 lockt das kleine Festival Kulturfreunde auf den Kapitelplatz und strahlt auf einer tageslichttauglichen LED-Wand Festspiel-Highlights aus. „Das ist ein tolles Erlebnis“, sagt Frucht. „Die Leute kommen oft in Abendgarderobe, können kostenlos dabei sein und hören dort mitunter besser als im Festspielhaus“ – dank der fortschrittlichen Übertragungstechnik.

Die technologische Experimentierfreude ist ein wichtiger Erfolgsfaktor des Kulturprogramms. Siemens ist ein Technologie-Konzern, und die Innovationskraft des Unternehmens soll auch im Musik-Engagement deutlich werden. Dieser Impuls geht zurück bis in die 50er Jahre, als Siemens das erste Tonstudio für elektronische Musik entwickelte. Heute reizt Stephan Frucht selber alles aus, was technisch derzeit möglich ist im Bereich der Musik: So nahm er etwa das Cellokonzert von Friedrich Gulda im 3-D-Sound auf, eine Produktion, die den akustischen Eindruck vermittelt, die Musiker säßen leibhaftig vor einem.

Ähnlich verfuhr Frucht bei seiner jüngsten Musikproduktion mit dem Klavierkonzert des 1944 in Auschwitz ermordeten Komponisten Viktor Ullmann. Zusätzlich erstellte das Siemens Arts Program eine Virtuell-Reality-Medienkunstinstallation. „Wir haben die Musik mit dem akustischen Fußabdruck von Theresienstadt versehen“, sagt der Dirigent Frucht. „So kann man dreidimensional hören, in welch trockner Arbeitsumgebung Ullmann dort wirken musste. “ Für Frucht ist diese Aufnahme quasi eine fingierte Uraufführung des Werks in der digitalisierten Umgebung seiner Entstehung. Die Aufnahme wurde gerade mit dem Opus Klassik ausgezeichnet (dem Nachfolger des Echo Klassik).

So versucht Frucht immer wieder, das Kulturengagement seines Unternehmens möglichst eng mit der Firmen-DNA in Einklang zu bringen. „Wir wollen klassische Musik neu denken“, sagt er. „Wir müssen immer wieder fragen: Wie können wir Bestehendes weiterentwickeln? “ Johann Sebastian Bach und Werner von Siemens sind so auch für ihn „aktueller denn je“.

Er zeigt ganz praktisch, wie viel Kultur mit Unternehmenskultur zu tun haben kann. So gibt Stephan Frucht regelmäßig Dirigierkurse für Manager – mit wachsendem Zuspruch. Worum es dabei letztlich geht, ist nicht so sehr Musik, sondern Leadership, erläutert Frucht. So wird in diesen Kursen auch Schauspiel, Rhetorik und Bühnentraining angeboten. „Jeder kann von Künstlern lernen“, sagt er. „Das ist etwas, woran ich sehr stark glaube. “ Und dann erläutert er die vorbildliche Bühnen- und Raumpräsenz von Schauspielern und Sängern. Frucht glaubt allerdings nicht daran, dass man Kunst mitleidig fördern muss. „Damit tut man der Kultur nichts Gutes“, sagt er. „Kunst gab es immer, und es wird sie immer geben. Sie überdauert uns alle. Wir sollten eher mit viel Selbstkritik sagen: Wir brauchen die Kunst, nicht umgekehrt. “

Im Bereich der Bildenden Kunst geht es Siemens um Projekte mit Künstlern – etwa mit dem Architekten Daniel Libeskind, dem Fotografen Thomas Struth, dem Maler Georg Baselitz oder Herlinde Koelbl, die 60 wegweisende Naturwissenschaftler porträtierte und die Essenz ihres Werkes vorstellen ließ. Im Bereich Nachwuchsförderung wird etwa die Orchesterakademie der Bayerischen Staatsoper unterstützt oder der Internationale Musikwettbewerb der ARD. Ein besonderes Projekt ist mit der Karajan Akademie der Berliner Philharmoniker geplant: das Siemens Conductors Scholarship. Hier wird durch einen Wettbewerb der ein Dirigent ausgesucht, der auch als Assistent von des Chefdirigenten Kirill Petrenko mitwirken soll. Erstmals wird diese Position von Siemens finanziert. Für Frucht ist das Engagement bei dem berühmten Orchester Ehrensache. Schließlich hat er bereits als Student als Aushilfskraft bei den Philharmonikern mitgespielt.

Quelle: Donaukurier